von
MARY MODAHL
Eines der Bücher, die mich am meisten beeinflusst haben.
Jede Generation bildet sich ein, mit den härtesten Geschäfts und Arbeitsbedingungen aller Zeiten konfrontiert zu sein. Hatten es unsere Eltern damals in den Sechzigern, Siebzigern, Achtzigern nicht sehr viel leichter als wir?
Auch die Kinder der heutigen Wirtschaft werden eines Tages zweifellos gute Gründe haben, die schwersten Zeiten für sich in Anspruch zu nehmen, doch selbst sie dürften rückblickend eingestehen, dass das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, in dem ihre Eltern auf dem Arbeitsmarkt waren, eine besonders turbulente Zeit war.
Als Forschungsleiterin bei Forrester Research Inc., einem Unternehmen, das in der Erforschung und Analyse der von den neuen Medien und Technologien geschaffenen wirtschaftlichen Bedingungen sowie in der entsprechenden Beratung von Unternehmen eine Spitzenposition einnimmt, befindet sich Mary Modahl in einer ausgezeichneten Position zur Auseinandersetzung mit den zukünftigen Entwicklungen. In »Der Wettlauf um den Internet-Kunden: Die bahnbrechende Studie zu Kundenprofilen im World Wide Web« äußert sie die Ansicht, in den kommenden zehn Jahren werde sich das Schicksal vieler Unternehmen entscheiden, sei es, dass es sich um etablierte Firmen oder Start-ups handelt.
Das Wachstum des Internethandels löst eine Reihe von Entwicklungen aus, mit denen sich alle Unternehmen auseinander setzen müssen. Hier einige Beispiele:
• Viele Internetunternehmen untergraben in dem Glauben, niedrigere Preise durch größere Absatzmengen wettmachen zu können, mit neuen Preisgestaltungsmodellen ihre Ertragsstruktur.
• Die Erwartungen an den Kundendienst steigen. Die Internetunternehmen sind sieben Tage in der Woche rund um die Uhr geöffnet, womit die Verbraucher ihre Kaufentscheidungen fällen können, wann immer sie wollen, nachdem sie sich die benötigten Informationen über die Produkte beschafft haben.
m Es werden neue Vertriebswege eröffnet. Die Internetunternehmen bauen ihr Geschäft auf der Lieferung bis zur Haustür auf - und zwar auch in Bereichen, in denen nie zuvor ins Haus geliefert wurde. Diese Entwicklung hat traditionelle Unternehmen, die sich allein auf die Ladenkundschaft konzentrieren, überrascht.
• Es eröffnen sich unerwartete Gelegenheiten auf dem Markt. Da das Internet weit voneinander entfernte Menschen zu extrem niedrigen Kosten miteinander verbindet, können sich neue Unternehmen Dienstleistungen ausdenken, die nie zuvor möglich waren.
• Selbst auf vermeintlich gesättigten Märkten sind hohe Eintrittsraten zu beobachten. Konservative Geschäfte wie jenes mit den Zeitungsinseraten, in denen jahrzehntelang keine neuen Konkurrenten auftauchten, sehen sich plötzlich von Newcomern bedroht.
Diese Entwicklungen bereiten den Boden für die Auseinandersetzung um die Internetkonsumenten - für einen Konflikt, der »mehr als zehn Jahre dauern wird, in denen die Unternehmen ihre Strategien anpassen werden, um die Tatsache zu nutzen, dass die Kunden im Internet jederzeit und überall einkaufen können. In dieser Schlacht stehen die etablierten Unternehmen - jene Firmen und Marken, die der Kunde seit seiner Kindheit kennt - den >Dotcoms< gegenüber, jenen Start-ups, die glauben, dem Konsumenten ein besseres Geschäft anbieten und gleichzeitig einen festen Platz im Bewusstsein ihres Kunden einnehmen zu können.«
Doch die Kräfte sind ungleich verteilt, meint Modahl: »Die Start-ups besitzen das Geburtsrecht auf das Internet, was ihnen einen Vorteil verschafft. Da sie klein sind, können sie sich schnell bewegen, und ihre gesamte Tätigkeit zielt auf die Kunden im Netz. Zudem finden die Start-ups problemlos Zugang zu Venture-Capital und haben es mit Investoren zu tun, deren Risikobereitschaft höher ist als bei den Kapitalgebern der traditionellen Unternehmen. Das Wichtigste ist jedoch, dass die Dotcoms nichts zu verlieren haben, wenn die alten Geschäftsmethoden ihren Sinn verlieren. « Die traditionellen Unternehmen hingegen haben viel zu verlieren, denn sie haben eine Reihe aufwändiger Geschäftspraktiken entwickelt. »Diese Praktiken sind von Nutzen, doch sie erzeugen auch ein Gravitationsfeld, welches das Unternehmen immer wieder auf den Boden seiner gewohnten Betriebsverfahren zurückzieht.«
Allerdings ist für die traditionellen Unternehmen nicht alles verloren. Das Internet verändert viele Regeln des Geschäfts, doch einige grundlegende Gesetze behalten ihre Gültigkeit: Man muss beispielsweise weiterhin seine Kunden kennen, einen wirklichen Wert schaffen oder sich von den Konkurrenten abheben. Nach Modahls Ansicht werden nur solche Unternehmen Erfolg haben - seien es nun Dotcoms oder traditionelle Unternehmen -, die das Verhalten der Konsumenten im Internet verstehen, für das Netz geeignete Geschäftsmodelle entwickeln und sich der Anziehungskraft der alten Geschäftspraktiken entziehen können.
Der entscheidende erste Schritt zum Erfolg in der Internetwirtschaft liegt in der Einsicht, dass sich der Internetkonsument grundlegend von allen anderen Verbrauchern unterscheidet. Modahl meint, dass die herkömmlichen demographischen Methoden, anhand deren die Bevölkerung nach Alter, sozialer Zugehörigkeit, Bildung und so weiter in Segmente unterteilt wurde, kaum Hinweise auf das Kaufverhalten im Internet geben. Stattdessen schlägt sie ausgehend von Forschungen, die bei Forrester durchgeführt wurden, eine als »Technographie« bezeichnete Methode vor, die dazu dient, die Einstellung der Konsumenten zur Technologie zu messen. So wird zum Beispiel untersucht, ob die Technologie bei den Verbrauchern positive oder negative Empfindungen weckt - Forrester hat festgestellt, dass 52 Prozent der Bevölkerung mit Blick auf die Technologie optimistisch sind und »dem Onlineeinkauf mit Zuversicht entgegenblicken«. Eine weitere wichtige Frage lautet, ob die Internetkonsumenten von Karriere-, Unterhaltungs- oder familiären Bedürfnissen motiviert werden. Und erwartungsgemäß stellt das Einkommensniveau ebenfalls einen wichtigen Faktor dar.
Modahl und Forrester haben diese Elemente zusammengefügt und die Internetkonsumenten in zehn Kategorien unterteilt. Einige dieser Kategorien sind: »Dynamiker« (von Karrierebedürfnissen motivierte Optimisten mit hohem Einkommen), »Traditionalisten« (Pessimisten mit hohem Einkommen, die die Beziehungen zur Familie und zur Gemeinde in den Mittelpunkt stellen), »Maus-Junkies« (auf ihr Vergnügen fixierte Pessimisten mit hohem Einkommen, die in der Technologie jedoch kein Mittel zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse sehen) und »Außenseiter«. Das Buch enthält eine umfassende Analyse, die es dem Leser erleichtern soll, die Motive der verschiedenen Konsumentengruppen zu verstehen und die entsprechenden Strategien zu entwickeln.
Das von Forrester entwickelte System der »Technographie« ist sicher der interessanteste Bestandteil von »Der Wettlauf um den Internetkunden«, doch die Autorin versteht auch einiges von Geschäftsmodellen für das Internet. Sie bietet überzeugende, auf soliden Studien beruhende Ratschläge an, um dem Leser die Wahl des für sein Unternehmen geeigneten Ansatzes zu erleichtern.
Das Buch enthält einige wirklich überzeugende Modelle, Konzepte und praktische Ratschläge für den Erfolg in der Internetwirtschaft und ist ein Beleg dafür, dass Modahl zu den wichtigsten und weitblickendsten Analysten im Bereich des E-Commerce zählt. Und es besteht kein Zweifel daran: Wer für eines jener Unternehmen arbeitet, die sich in den kommenden Jahren tatsächlich im Internet durchsetzen werden, hat seinen Kindern später sicher etwas zu erzählen.
Erfolg in der Internetwirtschaft: Die Herausforderungen
»Internet-Start-ups müssen mit atemberaubender Geschwindigkeit wachsen, um die Erwartungen der Investoren zu erfüllen. Diese Unternehmen haben keine andere Wahl, als so rasch wie möglich Kunden zu gewinnen und die Einnahmen zu erhöhen - und die meisten von ihnen tun dies zum Preis stetig steigender Verluste. Die traditionellen Akteure müssen ihren Kundenstamm verteidigen, während sie die neuen Geschäftsmodelle zu übernehmen versuchen. In den meisten Fällen verlangt diese Umgestaltung von den Unternehmen, mit nie gekannter Geschwindigkeit die Preise zu senken, den Service zu verbessern und die Kosten herunterzuschrauben. Das heißt, dass das Internet den Wettbewerb und die Dynamik in den Konsumgüterbranchen ungemein erhöhen wird.
Da sich der tägliche Konkurrenzkampf verschärft, wird es immer wichtiger, von Zeit zu Zeit einen distanzierten Standpunkt einzunehmen, um die Quellen des langfristigen Erfolgs aufzuspüren. Kurzfristig mag es sich auszahlen, alles daranzusetzen, die Zahl der Kunden so rasch wie möglich zu erhöhen, insbesondere, da Größenvorteile für Internetunternehmen eine derart überragende Bedeutung haben. Doch es genügt nicht, den Marktanteil zu erhöhen. Internetunternehmen sind keine natürlichen Monopole, und es gibt keine Regel, die besagt, ein Unternehmen könne sich entspannen und die Preise wieder höher ansetzen als die Kosten, sobald es einmal eine ausreichende Zahl von Kunden gewonnen hat. Die Eintrittsbarrieren bleiben niedrig, und die wichtigsten Aktiva der Internetunternehmen - Markenbewusstsein und technologisches Know-how - können sich innerhalb eines einzigen Jahres in Luft auflösen. «
Aus »Der Wettlauf um den Internet-Kunden«
Mary Modahl ist Forschungsleiterin bei Forrester Research Inc., einem Unternehmen, das Grundlagenforschung und Marktanalysen im Bereich des E-Commerce betreibt und strategische Beratung anbietet. Sie ist eine einflussreiche und oft zitierte Persönlichkeit in der Branche, deren Arbeit auf dem Gebiet der Internetwirtschaft die Bereiche Medien, interaktive Softwaretechnologien und Geschäftsabläufe umfasst. Sie lebt mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in Concord (Massachusetts).